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Kinderrecht statt Kaffeeklatsch

Einblick in den Alltag ehrenamtlicher Vormünder

Ein Damengrüppchen sitzt erzählend um einen Tisch mit Gebäck und Getränken. Laue Sommerluft weht durch die geöffneten Fenster herein, eine Kirchturmuhr schlägt.

Was anmutet wie ein seichtes Kaffeekränzchen ist in Wirklichkeit die Zusammenkunft tatkräftiger Ehrenamtlicher, genauer gesagt: ehrenamtlicher Vormünder. Und zwar für Flüchtlingskinder, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen sind.

„Ich wollte gerne etwas mit Jugendlichen machen“, erklärt eine der acht anwesenden Ehrenamtlichen ihr Engagement im Projekt „Do it !“ der Diakonie Wuppertal. Die zwei teilnehmenden Preis-Juroren nicken bedächtig und machen sich Notizen. Eigens für sie findet das heutige Treffen statt, damit sie sich direkt vor Ort ein Bild von dem ungewöhnlichen Ehrenamtsprojekt machen können und beurteilen, ob es eine Auszeichnung wert ist.

Insgesamt sind es 16 Ehrenamtliche, Männer wie Frauen, die bei „Do it !“ mitmachen und eine Vormundschaft übernommen haben. In zwei Gruppen treffen sie sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und zur gegenseitigen Unterstützung. Das ist gut so, finden sie, schon allein für die Motivation und Zielstrebigkeit, die man bei ihrer Aufgabe braucht. „Manchmal werden zig Leute auf einen Anhörungstermin bestellt“, sagt eine der Teilnehmerinnen als Beispiel für die Probleme, die ihnen begegnen. „Vier Stunden Wartezeit! Das ist dann schon eine merklich andere Behandlung, wenn wir Vormünder mitgehen. Dafür sind die Jugendlichen auch unheimlich dankbar.“

Ehrenamtliche Vormundschaft ist weniger gemeinsame Freizeitgestaltung als vielmehr der Einsatz für die Rechte der Jugendlichen und damit oft auch ein Kampf im Dschungel der Behörden. Ohne entsprechende Ausbildung hätten sie sich das nicht zugetraut, heißt es einhellig, man habe ja eigentlich gar nicht gewusst, was da auf einen zukomme. Die Vormünder sind sichtlich froh über die Hilfe, die sie im Rahmen des Projektes erfahren.

Projektleiterin Katrin Löffelhardt blickt zurück auf viele Jahre Erfahrung  in der Flüchtlingsarbeit. Sie weiß um die zum Teil komplexen Angelegenheiten, mit denen die Vormünder sich befassen müssen. Um sie bestmöglich zu rüsten, organisiert sie Netzwerktreffen, sorgt für jede Menge Infomaterial und engagiert Referenten, die zu Wunschthemen der Ehrenamtlichen sprechen. „Bevor jemand endgültig beschließt, ehrenamtlicher Vormund zu werden“, sagt Katrin Löffelhardt, „durchläuft er erst mal eine Schulung zu den wichtigsten Sachverhalten. Danach kann er sich entscheiden, ob er die verantwortungsvolle Aufgabe wirklich übernehmen will. Eine ehrenamtliche Vormundschaft ist nichts, woraus man mittendrin einfach wieder aussteigt.“

Ausgestiegen ist noch keiner. Im Gegenteil: mancher hat bereits das zweite Mündel, nachdem die erste Vormundschaft durch Volljährigkeit endete. „Es macht ja auch Spaß“, meint eine der Damen, „und es kommt auch viel zurück. Manchmal machen wir gemeinsam Hausaufgaben oder Ausflüge. Die Kinder rufen auch von sich aus an.“

Die Kinder, das sind zumeist Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren, mehr Jungen als Mädchen und teils unter lebensgefährlichen Umständen nach Deutschland gekommen. Sie stammen vor allem aus arabischen oder afrikanischen Ländern und haben harte Schicksale hinter sich. „Mein Mündel hat ein taubes Ohr“, erzählt eine Vormünderin. Körperliche Gewalt sei als Ursache festgestellt worden, sagt sie und berichtet von der dringend notwendigen Operation, um die sie sich gerade bemühe.

Ein Moment der Stille setzt ein. Auch die Jury schweigt und macht sich weiterhin Notizen. Längst aber ist wohl klar geworden, was die ehrenamtlichen Vormünder leisten. Für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Und für die Gesellschaft, in der die Jugendlichen leben. „Man lernt dazu. Auch über sich selbst“, sagt eine der Frauen in das Schweigen hinein. „Man sieht die Dinge im eigenen Leben jetzt anders.“

von Silke Mayer

 


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